Antigone
"Ungeheuer ist viel. Doch nichts ungeheuerer als der Mensch."
Eine Stadt im Ausnahmezustand. Eteokles und Polyneikes, die Söhne des Ödipus, sollten sich nach dessen Sturz die Herrschaft über Theben teilen. Doch als Eteokles die Macht behalten wollte, zog Polyneikes gegen ihn in den Krieg – ein Bruderkrieg, in welchem sie sich gegenseitig töteten. Nun liegt die Stadt in Trümmern und der neue Herrscher Kreon muss das Chaos ordnen. Um der Unterscheidung nachhaltig Geltung zu verschaffen, die dem politischen Gemeinwesen zu Grunde liegt – der Unterscheidung zwischen denen, die es bewahren, und denen, die es zerstören wollen – erlässt er ein Bestattungsverbot gegen denjenigen Bruder, der die Stadt angriff. Eine Unterscheidung, die Antigone nichts zählt, weil ihr die beiden Brüder gleichviel zählen. Sie begräbt Polyneikes gegen Kreons Gesetz, den eigenen Tod in Kauf nehmend. Sowohl Kreon als auch Antigone berufen sich auf das Recht und seine Legitimierung durch eine höhere Autorität: die Götter. Doch wer oder was bestimmt, was Recht ist, wenn das Recht selbst, das Konflikte und Widersprüche lösen soll, sich widerspricht?
Sophokles' antike Tragödie ist nicht nur eine Tragödie des Rechts, sondern auch die einer Familie und des Menschen schlechthin. Sie handelt von Verantwortung und Ohnmacht, von Selbstgerechtigkeit und der Frage, warum wir nicht ohne einander, aber offensichtlich auch oft nicht miteinander leben können. Regisseur Johan Simons ist dem Berliner Publikum bereits durch seine regelmäßigen Einladungen zum Theatertreffen bekannt. Nun arbeitet er erstmals am Berliner Ensemble und inszeniert "Antigone" entsprechend der sophokleischen Inszenierungspraxis mit nur drei Schauspieler:innen.
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Sie haben sich schon sehr oft mit griechischen Tragödien beschäftigt. Was ist für Sie das Besondere an "Antigone"?
SIMONS Die Menschen, die das Stück bevölkern, tragen eine ungeheuer gewaltige Vergangenheit mit sich herum. Antigone und Ismene erlebten, wie Ödipus, ihr Vater, sich als ihr Bruder entpuppte, wie er sich die Augen ausstach, wie sich ihre Mutter erhängte. Dann haben diese Kinder – so stelle ich es mir vor – ihren blinden Vater jahrelang begleitet. Die Söhne mussten sich von ihm verfluchen lassen, stürzten die Stadt Theben in einen Bruderkrieg und brachten sich dabei gegenseitig um. Übrig bleiben Antigone und Ismene. Ein schreckliches Los! Ich kann das Stück nicht lesen, ohne diese Vergangenheit zu sehen. Die Vergangenheit von Kindern, die ihre eigenen Traumata, die ihrer Eltern und Großeltern mit sich herumschleppen und versuchen, sie endlich aufzulösen. Diesen von Hölderlin so fantastisch übersetzten Vers, den Antigone sagt, "Zum Hasse nicht, zur Liebe bin ich", lese ich vor diesem Hintergrund als eine viel zu große Aufgabe, die sich Antigone hat aufbürden lassen: die Aufgabe, diese Familie wieder heil zu machen, im Reich der Toten. Mehr noch: die ganze Welt zu heilen, indem